Die Automobilindustrie der USA befindet sich in einem gefährlichen Abwärtsstrudel. Die Aussichten sind düster. Was die Big Three (GM, Ford und Chrysler) dazu veranlasste, vor den Kongress zu treten und um Staatshilfe zu bitten. Die erwarteten Gelder belaufen sich derzeit auf 34 Mrd. US-Dollar. Interessant ist, mit welcher Leichtigkeit die Bosse der Big Three ihre Forderungen im Laufe der „Verhandlungen" erhöhen. Ob die letztgenannten 34 Mrd. das Gesamtrisiko abdecken, wissen heute wohl nur die Götter.In der Folge möchte ich anhand der SRM-Systematik (Strategic Risk Management) skizzieren, ob eine Staatshilfe in Höhe der besagten 34 Mrd. vertretbar ist.
Strategic Risk Management (SRM)
Obgleich Adrian J. Slywotzky und John Drzik von Mercer nicht die Terminologie „Strategic Risk Management" (Strategisches Risikomanagement) (*SRM*) konzipierten, verdienen sie Beifall für ihre Beschreibung von dieser in einem Artikel in der Harvard Business Review vom April 2005. SRM ist eine Systematik, um Risiken zu beschreiben, die das Wachstum – oder in unserem Fall eher die Überlebensfähigkeit! – einer Unternehmung beeinträchtigen können. Die Autoren unterscheiden sieben Kategorien von strategischen Risikofeldern. 
Industrie / Branche
Der Gewinnmargendruck in der Automobilindustrie ist derzeit enorm. Chrysler, GM und Ford versuchen, mit zum Teil enormen Preisabschlägen Kunden zu gewinnen. Auch in Europa ist diese Tendenz offensichtlich. Wird sich diese Situation mittelfristig entspannen? – Wohl kaum. Das Branchenumfeld ist angespannt, die Konjunkturaussichten sind düster und das Konsumverhalten ist in den USA bereits stark eingebrochen.
Überkapazität
„Das Problem der Überkapazitäten zu unterschätzen könnte für die Automobilindustrie fatale Folgen haben", sagt Hans-Dieter Krauss, Segmentleiter Automotive bei KPMG. Global gebe es Überkapazitäten von rund 25 Prozent. Auch in China seien „schon jetzt deutliche Überkapazitäten vorhanden", und dieser Trend werde sich „eher noch verstärken". http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,336158,00.html
Technologie
Klimawandel, hohe Spritpreise, Rückgang von Rohstoffreserven und das Umweltbewusstsein der Kunden (zumindest in der westlichen Welt) machen einen Technologiewandel mittelfristig unvermeidbar. Haben unsere Big Three ihre Hausaufgaben diesbezüglich gemacht?
Marke
Opel als GM-Tochter hat in den vergangenen Monaten stark an Wert eingebüsst. Und dies, obwohl die Werbeausgaben der GM-Tochter im Branchenvergleich hoch sind. Auch Ford hat gegenüber dem Vorjahr um 3% an Brandvalue eingebüsst. Dabei sind Ford und Opel noch die „Vorzeigemarken" der Big Three. Während Toyata auf Rang 12 der 100 wertvollsten Marken rangiert, finden wir BMW auf 17, Mercedes auf Rang 36. In der gleichen Erhebungsperiode besetzen Ford und Chevrolet die Ränge 68 und 69. Wobei die Marken Toyota, BMW und Mercedes gegenüber dem letzten Jahr an Wert gewonnen haben. Die beiden letztgenannten haben innerhalb von 12 Monaten 13% respektive 3% verloren.
Konkurrenz
Dass die US-Automobilindustrie unter der asiatischen Konkurrenz leidet, ist kein neues Phänomen. In den letzten 40 Jahren haben sich die asiatischen Autobauer ein ansehnliches Stück des US-Kuchens ergattert. Die Konkurrenz wird in nächster Zeit wohl nicht nachlassen – im Gegenteil. Während die europäischen Hersteller Rezepte schufen, um den asiatischen Rivalen zu begegnen, haben die Big Three bis dato keine griffigen Massnahmen ergriffen, um ihre Marktanteilsverluste einzudämmen.
Kunde
Während die Asiaten und zum Teil die europäischen Autobauer die Chancen der Exportmärkte für sich entdeckt haben, ist die US-Automobilindustrie statisch auf ihren Heimmarkt fixiert geblieben. Ford und Opel ausgenommen, konnten die US-Modelle auf den Exportmärkten in den wenigsten Fällen bestehen. Die Abhängigkeit vom Heimmarkt ist offensichtlich.
Projekt
Stellt das Versagen der folgenden Bereiche oder Projektorganisationen eine Gefahr für GM, Chrysler oder Ford dar? – F&E-Konkurs – IT-Versagen – Unternehmensentwicklungsversagen – Fusions- oder Akquisitionsversagen Wenn wir anhand der sieben Punkte im strategischen Risikomanagement vorgehen, müssen wir uns auch dem Versagen von Subsystemen zuwenden. Nun gut, auch das Systemversagen stellt eine Gefahr dar. Aber im Kontext gesehen scheint diese vernachlässigbar.
Stagnation
Wie sind die mittel- und langfristigen Wachstumsaussichten in der Automobilindustrie? Die fortschreitende Industrialisierung der Schwellenländer und der anhaltende Trend zur Mobilität in der industrialisierten Welt lassen darauf schliessen, dass auch langfristig von einem attraktiven Markt ausgegangen werden kann. Trifft dies auch auf den isoliert betrachteten US-Automarkt zu?
Fazit
Es gibt kaum eine Risikokategorie, von der die Big Three schon isoliert betrachtet nicht existenziell bedroht wären. Die genannten Risiken – das darf man wohl sagen – waren mehrheitlich lange vor der globalen Finanzkrise vorhersehbar. Soll die US-Regierung die Automobilindustrie stützen? Können die akuten Probleme mit den 34 Mrd. nachhaltig gelöst werden? Ich vermute nicht. Muss der Staat resp. deren Steuerzahler aktiv helfen, die Versäumnisse und das Managementversagen der letzten Jahre zu lösen? Ja, da es in der jetzigen Situation nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Schadensbegrenzung geht. Die Frage, die sich mir stellt, ist nicht, ob die USA der drohenden Rezession mit 34 Mrd. begegnen sollen, sondern: Können mit den geplanten 34 Mrd. intelligentere, nachhaltigere und wirksamere Massnahmen umgesetzt werden? Können in einer anderen Industrie mehr Jobs gesichert werden? Gibt es US-Industrien, die weniger strukturelle Probleme haben, die auch von der heutigen Situation bedroht sind? Vermutlich ja. Finanzhilfe für die Big Three? Eher nein.